ASTRONOMISCHE INFORMATIONEN
© Susanne Weimer
Original-Quelle: Nationale Alarmzentrale (Schweiz), Pressemitteilung


16. März 2001


Absturz der Raumstation MIR / Gefahr für die Schweiz?

Gemäss neuesten Angaben der ESA soll der Absturz der MIR zwischen dem 21. und 23. März erfolgen. Am wahrscheinlichsten gilt ein Absturz am 22. März kurz nach 07:00h MEZ in den Südpazifik. Mögliche Alternativen wären Mittwoch, 21. März oder Freitag, 23. März. Aus ballistischen Gründen wird aber ein gezielter Absturz so oder so am Morgen Schweizer Zeit erfolgen. In der Zwischenzeit verliert die MIR weiterhin stark an Höhe. Die tägliche Rate beträgt bereits 2800 Meter. Der erdnächste Punkt befindet sich aktuell bei 227 km über Grund, der erdfernste bei 243 km.

Aktuelle Position der MIR

Die MIR befindet sich auf einer elliptischen Bahn um die Erde. Dabei beträgt ihr erdnächster Punkt (16. 3. 01) gemäss ESA 227 km, der erdfernste Punkt 243 km. Diese Höhe nimmt täglich um rund 2800 m ab. Für eine Umrundung der Erde braucht die MIR aktuell noch 89,1 Minuten.

Absturzzeitpunkt der MIR

Die russische Raumfahrtbehörde hat in der Zwischenzeit mögliche Absturzszenarien festgelegt. Als wahrscheinlichstes gilt ein Absturz am Donnerstag, 22. März mit Aufschlag um 07:21 h im südlichen Pazifik. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Szenarien auf (Angaben in MEZ):

Nr.   Datum  1. Manöver  2. Manöver  3. Manöver   Absturztermin
 1    22.3.     01:53       03:22    06:28-06:48      07:21
 2    23.3.     01:33       03:02    06:08-06:28      07:01
 3    21.3.     02:13       03:42    06:48-07:08      07:41

Wird Manöver 1 in der Erdumrundung x ausgeführt, so folgt Manöver 2 in der Erdumrundung x + 1 und das finale Manöver 3 in der Erdumrundung x + 3 statt. Für den 22. 3. 01 gibt es eine Alternativplanung. Dabei würde Manöver 3 erst in Erdumrundung x + 4 eingeleitet. Somit würde dieses 3. Steuermanöver um 07:57 stattfinden und der Absturz würde erst um 08:43 h erfolgen.

Zum technischen Vorgang

Die Manöver 1 + 2 bei denen es sich um Bremsmanöver handelt zwingen die MIR auf eine elliptischere Bahn. Diese hat ihren tiefsten Punkt, rund 165 - 155 km über der Erdoberfläche, jeweils bei 47°S. Beim dritten Manöver wird die MIR wieder beschleunigt und aktiv auf eine Höhe von 90 km über der Erde gebracht, von wo sie dann abstürzt.

Der prognostizierte Absturzort liegt unverändert bei 47°S/140°W, rund 4000 Kilometer östlich von Neuseeland und ebensoweit westlich von Chile. Die NAZ geht davon aus, dass die MIR wie vorgesehen im südlichen Pazifik niedergehen wird. Indiz für ein planmässiges de-orbiting, war der gezielte Absturz des Versorgungstransporters Progress M43 am Montag, 5. 2. 01. Dieser Absturz wurde von den Russen als Test angesehen, erfolgte er doch ins gleiche Absturzgebiet in das auch die MIR gelenkt werden soll.

Gegenüber den letzten Informationen erfolgen die Steuermanöver in einem noch kürzeren Zeitintervall. Die ESA geht zurzeit davon aus, dass zwischen dem ersten Bremsmanöver und dem Absturz nur noch 4 bis 5 Bahnumläufe liegen, bzw. 5 - 7 1/2 Stunden.

Sollte die MIR völlig ausser Kontrolle geraten, würde sich das Absturzfenster auf die Zeit zwischen dem 26. März und dem 31. März verschieben, dies auf Grund ihrer natürlichen gravitativen Sinkrate.

Von der Schweiz aus nicht mehr zu sehen

Die Bahn der MIR verläuft zurzeit so, dass sie von der Schweiz aus nicht mehr zu sehen ist.

Tätigkeiten der NAZ

Die NAZ verfolgt die Bahn der Raumstation MIR seit dem Auftauchen von grösseren Verbindungsproblemen am 26. Dezember 2000 mit grosser Aufmerksamkeit. Sie wird gemäss den internationalen Abmachungen von der ESA/ESOC seit dem 19. Januar in unregelmässigen Abständen (lagebezogen) über den aktuellen Stand informiert.

Geplante Tätigkeiten der NAZ

Die NAZ steht in laufendem Kontakt mit Herrn Dr. Walter Flury von der ESA. Die NAZ wird von der ESA über die Einleitung der Steuermanöver unverzüglich informiert. Die Nationale Alarmzentrale ist über die Alarmnummer das ganze Jahr 24 Stunden am Tag erreichbar. In der fraglichen Zeit wird zusätzlich auch ein Expertenstab die Lage ununterbrochen verfolgen.

Massnahmen bei akuter Gefahr für die Schweiz

Sollte tatsächlich für die Schweiz eine reale Gefährdung entstehen, informiert die NAZ unverzüglich die eidgenössischen Behörden gemäss obigem provisorischem Verteiler. Die Kantone werden im Falle von Gefahr über die Meldestellen der Kantonspolizeien orientiert. Präventive Massnahmen können nach Ansicht der NAZ nicht getroffen werden. Aus radiologischer Sicht drängt sich eine Bergung von Trümmerteilen nicht auf, da die MIR über keine nukleare Bordenergie verfügt. Weiter sei darauf hingewiesen, dass sich an Bord der MIR auch keine chemischen oder biologischen Stoffe befinden, die für Mensch und Umwelt eine Gefahr darstellen könnten.

An dieser Stelle hält die NAZ nochmals unmissverständlich fest, dass sie keine Massnahmen anordnen wird (Schutzraumbezug, Evakuation, etc.), da genaue Vorhersehbarkeit und tatsächliches Risiko in keinem Verhältnis zu so einer Aktion stehen würden.

Risikoabschätzung

Bei einem Scheitern der gezielten Steuermanöver der MIR ist grundsätzlich jeder Punkt zwischen 52,6°N und 52,6°S gefährdet. Die Schweiz befindet sich ebenfalls innerhalb dieser Zone und ist daher potentiell gefährdet. Das Risiko, dass bei einem unkontrollierten Absturz die Raumstation auf die Schweiz fällt ist 1:10'000.

Sollte die Station tatsächlich auf die Schweiz stürzen ist das persönliche Risiko 1:46 Mio. Dieser vereinfachten Berechnung liegt zu Grunde, dass die Station als Ganzes herunterkommt - was sicher nicht der Fall sein wird - und man daher von einer Aufschlagfläche von 900 m2 ausgeht.

* * *

siehe auch:


[Highlights] [Archiv] [Allgemeines]
[Kosmologie] [Gamma Ray Bursts] [Gravitationslinsen] [Röntgen-Astronomie] [Sonnensystem] [Extrasolare Planeten]
[Version mit Menü (Frames)]


Susanne Weimer